Gleichmut und Gelassenheit – zwei innere Qualitäten, die oft verwechselt werden

Michael Breker • 22. Januar 2026

Viele Menschen sagen: „Ich wünsche mir mehr Gelassenheit.“

Was sie damit meist meinen, ist:
Ich möchte nicht mehr so schnell aus der Bahn geworfen werden. Ich möchte innerlich ruhiger sein. Ich möchte mich nicht ständig sorgen, ärgern oder verkrampfen.

Doch hinter diesem Wunsch verbirgt sich oft eine tiefere Sehnsucht – die Sehnsucht nach Gleichmut.
Obwohl die beiden Begriffe im Alltag häufig synonym verwendet werden, beschreiben sie in ihrer Tiefe zwei unterschiedliche innere Qualitäten.

Was ist Gelassenheit?
Gelassenheit ist ein erlebbarer Zustand.
Du kennst ihn vielleicht als:
  • innere Ruhe
  • Entspannung
  • Weite
  • ein Gefühl von „Es ist gerade okay“
Gelassenheit zeigt sich, wenn wir nicht im Widerstand sind – nicht gegen uns, nicht gegen andere, nicht gegen das, was gerade ist.
Sie fühlt sich leicht an.
Sie fühlt sich freundlich an.
Sie fühlt sich weich an.

Aber: Gelassenheit ist oft situationsabhängig. Sie kann kommen – und wieder gehen.
Ein stressiger Anruf, eine schlechte Nachricht, ein Konflikt – und sie ist plötzlich verschwunden.

Was ist Gleichmut?
Gleichmut ist keine Stimmung.
Er ist eine innere Haltung.

Im Buddhismus wird er Upekkhā genannt – eine der vier heilsamen Herzensqualitäten.
Gleichmut bedeutet:
Ich kann da sein – auch wenn es schwierig wird.
Ich muss nicht an Angenehmem festhalten.
Ich muss Unangenehmes nicht sofort wegdrücken.
Ich darf dem Leben begegnen, ohne mich von jeder Welle mitreißen zu lassen.

Gleichmut ist nicht gleichgültig.
Er ist wach, mitfühlend und präsent.
Er sagt:
„Ich kann fühlen, ohne unterzugehen.“
„Ich kann lieben, ohne mich zu verlieren.“
„Ich kann da sein, ohne alles kontrollieren zu müssen.“

Ein Bild, das den Unterschied zeigt
Stell dir einen Ozean vor:
Die Gelassenheit ist die ruhige Oberfläche an einem windstillen Tag.
Der Gleichmut ist die Tiefe des Ozeans – ruhig, stabil, unbewegt.

Wenn ein Sturm kommt:
Die Oberfläche wird unruhig.
Die Tiefe bleibt ruhig.
Gelassenheit kann verloren gehen.
Gleichmut trägt – auch dann, wenn es innerlich stürmt.

Warum wir oft das eine suchen – und das andere brauchen
Viele Menschen jagen der Gelassenheit hinterher.
Sie versuchen, sich zu beruhigen, zu entspannen, „positiv zu denken“.
Doch das Leben fragt uns immer wieder mehr ab als nur Entspannung:
Verlust, Krankheit, Unsicherheit, Abschied, Scheitern, Wandel.
Hier reicht Gelassenheit oft nicht aus.
Was uns dann wirklich trägt, ist Gleichmut.

Gleichmut bedeutet:
Ich muss nicht alles mögen – aber ich kann da sein.
Ich muss nicht alles verstehen – aber ich kann fühlen.
Ich muss nicht alles kontrollieren – aber ich kann vertrauen.

Gleichmut lässt Gelassenheit entstehen
Paradoxerweise entsteht echte Gelassenheit oft erst dann,
wenn wir nicht mehr versuchen, gelassen zu sein.
Sondern wenn wir lernen:
  • nichts festzuhalten
  • nichts wegzudrücken
  • nichts zu erzwingen
Aus dieser Haltung wächst etwas Natürliches:
Ruhe. Weite. Sanftheit.
Das ist Gelassenheit – als Frucht von Gleichmut.

Eine Einladung
Vielleicht magst du dir heute diese Frage stellen:
Was versuche ich gerade festzuhalten?
Wogegen kämpfe ich innerlich?
Und was würde geschehen, wenn ich einen Moment lang einfach da wäre?
Nicht als Aufgabe.
Nicht als Technik.
Sondern als Erlaubnis.
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